Ein Abend mit Horst Eckert

Am 11. Dezember war Horst Eckert zu Besuch im Maison de l’Europe in Nantes und las aus seinem Roman Die Zwillingsfalle / Coups doubles vor. Anschließend diskutierte er mit dem Publikum.

Horst-Eckert-maison-de-leurope-nantesSie schildern in Ihren Kriminalromanen präzise die Arbeit der Düsseldorfer Polizei. Wie recherchieren Sie, um all diese Details in Erfahrung zu bringen?

Bei Recherchefragen wende ich mich in aller Regel an die Presseabteilung der Polizeistelle. Bei Coups doubles / Die Zwillingsfalle war es allerdings nicht ganz so einfach, denn hier hatte ich viele Fragen zur Arbeit des Sondereinsatzkommandos (SEK). Da die SEK-Mitarbeiter ihre Anonymität wahren müssen, ist es sehr schwer, an Informationen zu kommen. Die meisten SEKler konstruieren sogar eine neue Identität, geben beispielsweise an, dass sie beim Finanzamt arbeiten. Somit wissen also nicht einmal ihre Nachbarn Bescheid. Ich hatte aber Glück und kannte jemanden, der einige Jahre beim SEK gearbeitet hatte und der mir viel darüber berichten konnte und auch meine Texte gegengelesen hat. Denn mir ist es sehr wichtig, die Arbeitsabläufe der Polizei genau zu kennen und so exakt wie möglich wiederzugeben. Zum einen, weil der Teufel im Detail steckt und ich mit vielen Details Spannung erzeugen kann. Zum anderen kennen wir alle die Polizeiarbeit wie sie im Fernsehen dargestellt wird, allerdings wissen wir auch, dass das nur ein sehr oberflächliches Bild ist. Damit mir die Leser vertrauen, möchte ich als Autor jedoch eine größtmögliche Authentizität erreichen.

 

Ihre Figuren, in erster Linie Polizeibeamte, sind nicht nur positiv gezeichnet; ist das ebenfalls ein Teil Ihres schriftstellerischen Selbstverständnisses, um glaubwürdig zu sein?

Ja sicher! Meine Figuren sollen Menschen sein wie es sie in der wirklichen Welt auch gibt, mit Fehlern und Schwächen. Brave Kommissare langweilen mich, davon gibt es genug in der Literatur.

Wie strukturieren Sie den Schreibprozess Ihrer Romane? Entwickeln Sie zuerst Ihre Figuren oder den Plot?

Meist fällt mir zuerst eine interessante Figur ein, das heißt, eine Figur mit vielen Konflikten in ihrem Umfeld, sei es die Familie, die Medien, der Beruf etc. Den eigentlichen Kriminalfall entwickle ich dann in einem zweiten Schritt, indem er die persönlichen Konflikte der Figuren zum eskalieren bringt und Figur und Handlung eine Einheit bilden. Diese Symbiose ist wichtig, denn wenn die Handlung zu sehr im Vordergrund steht, erscheinen die Figuren blass und umgekehrt ist die Handlung ebenfalls uninteressant.

Gibt es einen bestimmten Grund, warum Ihre weiblichen Figuren weniger stark gezeichnet sind, als Ihre männlichen Figuren?

Ela, eine der drei Hauptfiguren in Coups doubles / Die Zwillingsfalle ist eine durchaus starke Frauenfigur, während ihre beiden männlichen Kollegen geradezu Machos sind. Leo Köster bezeichnet Ela an einer Stelle beispielsweise auf eine sehr herablassende Art als „Huhn“. Dazu muss man wissen, dass dieser Jargon vor zehn Jahren noch üblich war bei der Polizei. Martin Zander, die dritte Hauptperson in Coups doubles / Die Zwillingsfalle, taucht später nochmals in einem anderen Buch auf, wo er eine gewisse rassistische Haltung entwickelt. Ihm gegenüber steht hier eine junge Kollegin, die ihm Paroli bietet. Ich selbst halte mich raus; ich erfinde lediglich die Figuren, die dann ihre Konflikte austragen.

Wie lange arbeiten Sie an einem Buch?

Etwa eineinhalb bis zwei Jahre. An meinem letzten Roman habe ich sogar zweieinhalb Jahre gearbeitet, da ich sehr viel recherchieren musste. Diese Zeit braucht es, da ich immer neue Hauptfiguren entwickle, die in immer anderen Polizeiabteilungen arbeiten oder Figuren, die aus einem Umfeld kommen, mit dem ich weniger vertraut bin. So musste ich für Figuren, die in einer Bank oder als Journalist arbeiten, viel recherchieren. Ich suche sozusagen in der realen Welt und erfinde, mit dem was ich dort finde, meine eigene. In meinem aktuellen Roman geht es um die Finanzkrise, ein Thema das wirklich schwer zu recherchieren und noch schwerer zu erklären ist, aber dadurch auch umso interessanter ist, wie ich finde.

Coups doubles wird aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Ist dieser Perspektivwechsel eine Herausforderung für Sie während des Schreibens?

Nein. Der Perspektivwechsel hat sogar handwerkliche Vorteile, beispielsweise erlaubt er mir Cliffhanger am Ende eines Kapitels einzubauen, indem ich das folgende Kapitel mit einer anderen Figur beginnen lasse und somit Spannung erzeugen kann. Wichtig ist nur, dass die Handlungsstränge an einem Punkt zusammenlaufen und somit klar wird, dass alle drei Hauptfiguren an dem gleichen Fall arbeiten.

Man gewinnt als Leser den Eindruck, dass Sie mit Ihren Romanen eine wiederkehrende Kunstwelt erschaffen. Wie fügt sich Ihre Kurzgeschichte Der geniale Zetteltrick in dieses Universum ein?

In fast jedem Roman habe ich neue Hauptfiguren, allerdings können die Hauptfiguren des vorangegangenen Romans als Nebenfiguren ebenfalls auftauchen. Bei Der geniale Zetteltrick habe ich mich an Leo Köster, eine der Hauptfiguren in Coups doubles / Die Zwilligsfalle erinnert. Weil Leo krank ist und nicht mehr als Polizist arbeiten kann, wechselt er in Der geniale Zetteltrick die Seite und begeht nun selbst einen Geldraub, da er sich erhofft, mit der Beute seine Behandlung zu bezahlen und somit geheilt zu werden. In meinem neuen Roman breche ich allerdings mit dieser Gewohnheit. Ela Bach, die bisher in jedem meiner Bücher aufgetaut und bis zur Leiterin der Mordkommission geschafft hat, wechselt ihre Stelle. Ich hatte einfach Lust auf Veränderung, auf eine neue Figur.

 

Die Grundlage Ihrer Kriminalfälle bilden in der Regel aktuelle Ereignisse. Inwiefern ist dieser Aktualitätsbezug wichtig für das Genre des Kriminalromans?

Ich wähle den Rahmen aktueller Geschehnisse für meine Romane, da ich so die persönlichen Konflikte meiner Figuren zusätzlich verstärken kann. Bei Coups doubles spielt beispielsweise die Fusion zweier Telekommunikationsunternehmen eine wichtige Rolle. Die reale Referenz war hier die Fusion von Vodaphone und Mannesmann. Der damalige Chef von Mannesmann war zunächst gegen die Fusion, hat dann aber eine Abfindung von 60 Millionen DM erhalten, woraufhin der Vorwurf laut wurde, dass seine anfängliche Ablehnung und der Kampfgeist für den Erhalt von Mannesmann nur Vorwand waren, was natürlich ein wunderbarer Stoff für einen Kriminalroman liefert.

Warum spielen alle Ihre Romane in Düsseldorf?

Düsseldorf ist die Stadt, in der ich lebe. Abgesehen davon, ist Düsseldorf mit seinen 580.000 Einwohnern und unterschiedlichen Milieus – von der Drogenszene bis zum Großkonzern – auch nicht der schlechteste Ort für einen Kriminalautor. Als ich meinen ersten Roman geschrieben habe, kam mir die Stadt noch recht friedlich vor. Im Roman habe ich die Stadt nicht einmal Düsseldorf genannt. Inzwischen kenne ich Düsseldorf und sein „Krimipotential“ aber sehr gut – für mich besteht also keine Notwendigkeit einen Berlinroman zu schreiben. Allerdings gehe ich auch sehr frei mit der Stadt um, je nachdem wie es die Dramaturgie verlangt, versetze ich beispielsweise ein Gebäude in einen anderen Stadtteil. Allerdings lege ich großen Wert darauf, dass alles, was ich verändere, in das jeweilige vorherrschende Milieu passt.

Macht gerade diese Distanz, der freie Umgang mit der Stadt und den aktuellen Ereignissen wie sie es nennen, den Unterschied zu Regionalkrimis aus, bei denen alles an Ort und Stelle bleibt.

Kriminalromane sind immer lokal verankert. Der sogenannte Regionalkrimi ist ja weniger für seine Qualität bekannt, als für seine Masse. Solche Bücher verkaufen sich gut in der Region, weniger gut dagegen überregional. Es gibt natürlich auch Ausnahmen wie zum Beispiel Jacques Berndorf, dessen Geschichten in der Eifel spielen. Berndorfs Geschichten funktionnieren aber auch überregional, weil die Leser ihre eigene Region in der fremden wiederfinden. Ich persönlich habe mich als Autor aber dem Großstadtroman verschrieben.

Sind Ihre Romane nie auf Gegenwehr bei der Düsseldorfer Polizei gestoßen? Immerhin wird der Polizeiapparat nicht immer in einem positiven Licht geschildert. Da gibt es Korruption, Vertuschung und andere unlautere Machenschaften.

Nein, bisher hat sich von den 3000 Düsseldorfer Polizisten noch keiner bei mir beschwert.

Ich muss auch dazu sagen, dass ich den Gedanken, dass sich jemand beschweren könnte, beim Schreiben ausblende; schließlich will ich mich nicht selbst zensieren. Schließlich gibt es überall Querelen, nicht nur bei der Polizei. Und mein Eindruck ist, dass Polizisten es gut finden, wenn sie ihre Alltagsnöte und Probleme in meinen Romanen wiederfinden.

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