Ein Service Civique mit 18?

écrit par Ann-Christin Gelszat

« Und was studierst du? » Diese Frage ist mir in den knapp vier Wochen, die ich nun in Nantes lebe, immer wieder begegnet. Auf meine Antwort: « Ich habe noch nicht angefangen zu studieren, ich mache einen Service Civique im Centre Culturel Franco-allemand » erntete ich Erstaunen und mildes Unverständnis.

Ein Freiwilligendienst nach dem Abitur – was in Deutschland mittlerweile alltäglich geworden ist, wird in Frankreich eher als Kuriosität angesehen.

Unter deutschen Abiturienten ist es nach der Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes im Jahre 2011 heutzutage üblich, nach zwölf Jahren Schulzeit eine Auszeit vom Lernen, von Hausaufgaben und Klausuren zu nehmen und sich im In- oder Ausland in sozialen, kulturellen oder ökologischen Projekten zu engagieren. Selbstverständlich gibt es auch jene, die nach dem bestandenen Abitur den « traditionellen » Weg beschreiten und direkt im Anschluss an die Schulzeit eine Ausbildung oder eine Studium beginnen. Viele deutsche Jugendliche nutzen jedoch die Möglichkeit des Freiwilligendienstes, um aus ihrer bisherigen Lebenswelt auszubrechen, der schulischen Theorie ein wenig lebensnahe Praxis hinzuzufügen, erste Einblicke in die Berufswelt zu erlangen, neue Erfahrungen in ganz unterschiedlichen Bereichen zu sammeln und vielleicht fremde Kulturen kennenzulernen und Sprachkenntnisse aufzubessern. Mit Sicherheit ist es jedoch auch eine Phase der Selbstfindung und der Prägung. Nach zwölf Jahren, in denen das tägliche Umfeld vor allem aus der Schule und den Klassenkameraden bestand, in denen man zwar lernte, Gedichte zu analysieren, Karikaturen zu interpretieren und Matritzen zu multiplizieren, sich dabei jedoch immer wieder fragte, was man später damit anfangen kann, ist es oft schwierig, sich sofort zu entscheiden, welchen beruflichen Weg man letztendlich einschlagen möchte. Während des Freiwilligendienstes eröffnet sich eine Welt voller neuer Einflüsse und Berührungspunkte. In der Einsatzstelle trifft man auf die verschiedensten Menschen, die alle ihren ganz eigenen Werdegang, ihre Geschichte, Ideen und Ansichten mitbringen. Dieser Austausch mit Menschen aus einem völlig anderem Umfeld als dem eigenen  bietet neue Impulse, die eventuell maßgebend für eine spätere Laufbahn sein könnten. Diese Erfahrung hat meine ersten Wochen hier in Nantes im Besonderen geprägt, durfte ich doch so viele nette Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken Deutschlands und Frankreichs kennenlernen.

Des Weiteren ermöglicht einem ein Freiwilligendienst, zum ersten Mal wirklich Verantwortung zu übernehmen – eine wahre Schule des Lebens. Man testet sich aus, trifft auf Grenzen und schafft es mit ein klein wenig Arbeit, diese zu überwinden und über sich selbst hinauszuwachsen – einfach, weil man es muss. Man ist gezwungen, auf andere Leute zuzugehen, auch wenn es manchmal schwerfällt. Vor allem wenn man seinen Freiwilligendienst im Ausland tätigt, ist man auf ein gewisses Maß an Eigenständigkeit angewiesen. Ähnlich wie bei einem Auslandssemester findet man sich in einem wahren Labyrinth der Bürokratie wieder, durch das man sich zunächst kämpfen muss – eine Wohnung will gefunden, ein Konto eröffnet, ein Wohngeldzuschuss beantragt und eine Fahrkarte gekauft werden. Das erfordert viel Geduld und starke Nerven. Sich in ein fremdes System einzufinden braucht seine Zeit und die Vorgänge dauern dann meist doch ein klein wenig länger, als man es sich gewünscht hätte. Es kann passieren, dass man auf seinem Weg aus dem Labyrinth der Formulare ein paar Mal den falschen Weg einschlägt und plötzlich vor einer Sackgasse steht – oder dass man auf sonstige unvorhergesehene Hindernisse trifft.  Dann ist es wichtig, den Mut nicht zu verlieren, beharrlich zu bleiben und nicht zu verzweifeln.  Hat man es jedoch erst geschafft, kann man sich erst einmal für ein paar Minuten zurücklehnen und nicht ganz ohne Stolz darauf zurückblicken, was man selbst für sich geleistet hat. Allein durch den formellen Rahmen lernt man dazu, denn man ist plötzlich gezwungen, sich mit Dingen zu befassen, die einem vorher nie in den Sinn gekommen wären. In diesen formellen Angelegenheiten übernimmt man zunächst einmal Verantwortung für sich selbst – hinzu kommt anschliessend noch in der Arbeitsstelle eine viel grössere Verantwortung. In der Schule hat man zwölf Jahre lang mehr oder weniger für sich allein gekämpft. Nun hängt an der Tat des Einzelnen auch immer ein Stückchen der Ruf der Einsatzstelle. Während des Freiwilligendienstes, lernt man, damit umzugehen und auch ein neues Bewusstsein für seine Projekte zu entwickeln, umsichtiger zu werden.

Der Freiwilligendienst kann dabei ganz unterschiedlich aussehen : Freiwilligendienste, die im deutschen Inland geleistet werden sind unter anderem das Freiwillige Soziale Jahr (kurz FSJ), das FSJ Kultur oder Politik oder das Freiwillige Ökologische Jahr (kurz FÖJ) sowie der Bundesfreiwilligendienst. Doch auch für diejenigen, die es in die Ferne zieht, stehen alle Türen offen. Möglichkeiten sind hier der Europäische Freiwilligendienst (EFD) / Service Volontaire Européen (SVE) oder der Internationale Jugendfreiwilligendienst (ijfd).

Besonders im Rahmen der deutsch-französischen Partnerschaften gibt es für französische und deutsche Jugendliche eine Vielzahl an Möglichkeiten, sich im Partnerland zu engagieren. So kann man beispielsweise im Rahmen des deutsch-französischen Freiwilligendienstes im Schul- und Hochschulbereich zehn Monate an einer Schule beziehungsweise einer Universität des Partnerlandes arbeiten und so einen tieferen Einblick in den akademischen Alltag des Partnerlandes gewinnen und auf verschiedene Weise wie die Unterstützung von Lehrern aber auch die Organisation eigener Aktivitäten die eigene Sprache fördern. Auch kann man sich im sozialen Bereich für andere engagieren. Für die  Sportlichen ist auch ein Freiwilligendienst im Sportbereich dabei. Des Weiteren besteht die Möglichkeit, sich im Rahmen eines deutsch-französischen ökologischen Jahres / volontariat écologique franco-allemand für die Erhaltung unseres Planten zu engagieren. Vereint werden solidarische, soziale und alternative Ideen im volontariat franco-allemand des alternatives. Ausserdem können sich die Freiwilligen im kulturellen Bereich frei entfalten.  

Gerade hier im Centre Culturel Franco-allemand ist nahezu die ganze Palette an Freiwilligendiensten vertreten: Zum ersten Mal darf die Equipe eine deutsch-französische Freiwillige Kultur und eine deutsch-französische ökologische Freiwillige in ihren Reihen begrüssen. Und natürlich gibt es da auch immer noch meinen Posten des Service Civique, den auch Jugendliche aus dem Ausland antreten können.

Ein Freiwilligendienst mit achtzehn also – oder doch lieber ein Freiwilligendienst nach dem Studium wie es hier in Frankreich üblich ist ?

Ein Freiwilligendienst während oder nach einem abgeschlossenen Studium ist sicherlich eine Möglichkleit, sich den Einstieg ins Arbeitsleben zu erleichtern, sich vorher noch einmal auszuprobieren und vielleicht herauszufinden, in welche Richtung man später gehen möchte. Sicherlich hat ein fertiger Student den Vorteil, dass er bereits ein paar mehr Erfahrungen in Projektarbeit und im selbstständigen Arbeiten sammeln konnte als ein Schüler, die er bereits in seinen Freiwilligendienst mitbringt … Welcher Weg letztendlich besser ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Sicher ist jedoch, dass, egal in welcher Variante, ein Freiwilligendienst eine wertvolle und prägende Erfahrung darstellt, die für das weitere Leben von grosser Bedeutung sein kann.

Für mehr Informationen über die Geschichte und Entwicklung der deutsch-französischen Freiwilligendienste klicken Sie hier.

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