La rentrée: ein französisches Phänomen?!

von Raphael Brüne

Eigentlich brach ich Mitte August voller Energie und Arbeitslust auf, ließ Wien und Erinnerungen an Donau und klassische Musik hinter mir, in der Hoffnung nach 16-stündiger Zugfahrt in Nantes meinen normalen Arbeitsalltag anzutreten. Neue Projekte, die Suche nach geeigneten und interessierten PartnerInnen, ein neues Team – um nur einige Aspekte zu erwähnen, die mich während meiner Zugfahrt immer wieder beschäftigten. Ich drehte mich gedanklich im Kreis, ein Gefühlsgemisch aus Vorfreude und vielleicht sogar Angst. ‚Der Arbeitsalltag wird bestimmt wie ein befreiender Schlag alles richten‘, redete ich mir ein und ließ mich beruhigt in den Sitz des TGVs fallen.

Die ersten Arbeitstage im CCFA liegen nun hinter mir und der Dokumentarfilm über den französischen Karthäuserorden „Die große Stille“ ist eine recht prägnante Umschreibung meiner bisherigen beruflichen Aktivität und stressigen Arbeitsdichte. Eine Ruhe hat sich eingestellt und der Schleier der grandes vacances mit all seinen Auswirkungen liegt immer noch über Frankreichs Behörden, seiner öffentlichen Verwaltung, den Vereinen und nicht zu vergessen seinen BewohnerInnen, die bis Ende August ausgeflogen sind. Urlaub machen mit Kind und Kegel und sich dann auf die gefürchtet-geliebte rentrée vorbereiten und gleichermaßen versuchen vor ihr zu fliehen.

Wie konnte ich dieses, doch so typisch französische Phänomen, was die Plattform Wikipedia als „ein gesellschaftliches Ereignis erster Güte mit speziellen Aktivitäten in Politik, Wirtschaft und Kultur“ beschreibt, nur verdrängen? Dabei erlebte ich im Sommer 2011 während meines Zivildienstes in Paris eine ähnliche Situation. Auf der Suche nach einem Baguette musste ich erst die Boulangerie de garde meines Quartiers aufsuchen, um mein so alltägliches Verlangen zu stillen. War ich doch erleichtert und verwirrt zugleich, als meine Stammbäckerei wieder öffnete, sich die Bücherregale mit den neuen Bestsellern füllten, neue Filme die Kinosäle eroberten und im selben Augenblick die französischen PolitikerInnen ihre Arbeit wieder aufnahmen.

Dass es sich bei diesem Phänomen um die rentrée, genauer die rentrée du cinéma, littéraire, politique, scolaire handelt, sollte ich erst später erfahren. Zuerst einmal war ich beeindruckt, kannte ich ein vergleichbares gesellschaftliches Phänomen der Rückkehr, des Neubeginns auf allen Ebenen aus Deutschland nicht.

In vielen Orten Frankreichs werden zur gleichen Zeit Aktivitäten eingestellt, andere losgetreten und die Leute fahren darauf ab und funktionieren mehr oder weniger nach diesem zeitlichen Einteilungsraster. Wenn ich den Gedanken und meine Eindrücke ausführe, komme ich zu dem Schluss, dass durch diesen gesellschaftlichen Regulierungsprozess ein quasi nationaler Zeitrahmen, eine Zeitordnung geschaffen wird, die unter dem Aspekt der Zeitpolitik betrachtet, bestimmt interessante Ergebnisse zutage fördern würde. Das zivile Jahr scheint in Frankreich einer anderen Gliederung zu unterliegen.

Schnell spürte ich auch die negativen Konsequenzen, die aus der Konzentration fast aller Aktivitäten auf einen sehr kleinen Zeitraum resultieren. Warum muss ein Großteil der FranzosenInnen bis zum 31. August ihren Urlaub herauszögern, um mit dem Auto und dem Rest Frankreichs einen Tag auf den verstopften Autobahnen zu verbringen?

Auch ist mir aufgefallen, dass der Monat Juni schon stark zur Vorbereitung auf den alljährlichen Sommerschlaf genutzt wurde. Das Mailkonto war weniger ausgelastet, es wurde schwerer, berufliche Termine festzulegen und in meinem beruflichen und privaten Umfeld vernahm ich angenehm entspannte und relaxte FranzosenInnen. Der berufliche Stress und die Überstunden wurden ad acta gelegt und man freute sich auf die grandes vacances, wohlwissend, dass es ein großes Erwachen Anfang September geben würde.

Silvester, ein in Deutschland oft emotionaler Anlass, an dem man seine guten Vorsätze steckt und das vergangene Jahr Revue passieren lässt, wird in Frankreich mit weniger Symbolik und Bedeutung gefeiert. Die rentrée weist hier einen eher vergleichbaren Charakter auf, da viele FranzosenInnen sich vornehmen à la rentrée ihre guten Vorsätze umzusetzen und den auf die lange Bank geschoben Sprachkurs zu beginnen oder sich im Fitnessstudio anzumelden. Mir ist auch aufgefallen, dass einige FranzosenInnen von l’année prochaine sprechen, um diesen zeitlichen Einschnitt der rentrée zu benennen. Manche Leute behaupten auch, dass sich neben diesem gemeinsamen Erwachen, dieser geballten Motivation, die Anfang September das Verhalten vieler FranzosenInnen bestimmt, relativ schnell eine blues de la rentrée, eine Sommerferienendedepression einstellt. Mir kommt der Gedanke, dass die rentrée als Konzept auch von einigen Leuten als sehr stressig wahrgenommen wird. Von allen Seiten prasseln die Ankündigen und Erwartungen auf einen ein, die alle während eines relativ kurzen Zeitfensters erledigt werden müssen.

Nun sitze ich in meinem Büro und muss meine Zeit möglichst sinnstiftend verbringen. Die Mails sind beantwortet und die Subventionsanträge geschrieben. Vielleicht könnte ich mich auf die rentrée einstimmen und zur Vorbereitung z.B. das Video einer französischen Youtuberin mit dem Titel 10 conseils pour la rentrée anschauen, die mit Do’s und Don’ts um sich schmeißt, alle unabdingbar für eine reibungslose rentrée.

Natürlich bemerke ich beim Flanieren durch Nantes schnell, dass meine Wahrnehmung der grandes vacances und der rentrée in vielen Punkten sehr stereotyp und hier überspitz dargestellt wird. Denn gerade die Organisation der Voyage à Nantes z.B. wirkt der Flucht an die Atlantikküste vieler NanteserInnen in den Sommermonaten entgegen und lädt ein, die eigene Stadt durch Kultur- und Kunstangebote neu zu entdecken.

Alors, bonne rentrée à tout le monde!

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