Stadtmitte am Fluss: unvollständige Nachhaltigkeit

Während der 5. deutsch-französischen Sommeruniversität haben deutsche und französische Studenten an dem Thema « Wasser, Leben, erleben » gearbeitet. Während der Führung des Projekts « Stadtmitte am Fluss » in Saarbrücken stellen zwei der Studenten die Nachhaltigkeit der Flussumgestaltung in Frage.

Die meisten Städte wurden an Flüssen gebaut. Auch in Saarbrücken hat sich die Stadt rund um die Saar entwickelt. Die Flussufer waren sehr dynamisch und für die Bevölkerung ein wichtiger und geschätzter Bestandteil ihres Lebens. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Stadt zum Teil stark zerstört. Doch das Saarland war auf Grund des Bergbaus ein reiches Land und Saarbrücken wurde schnell wieder aufgebaut. Um ökonomische Kraft zu demonstrieren, hat die Stadt wie viele Anderen (Angers, Paris, u.a.) ihre Autobahn mitten in die Stadt und entlang des  Flusses gebaut.

Seit 1957 hat Saarbrücken jedoch, wie andere Städte der bergbaulichen Region, seine ökonomische Attraktivität verloren. Die Stadt ist an vielen europäischen Wiederdynamisierungsprogrammen (Saar-Lor-Lux, Euregio, usw.) beteiligt und versucht selbst eine neue Dynamik zu finden. Die Autobahn wird nicht mehr als Symbol der Wirtschaftskraft  gesehen, sondern als Grund der verlorengegangenen Attraktivität. Die Stadtteile, die an der Autobahn liegen, sind unsympathisch, die Stadt bzw. der Staddteil Alt- Saarbrücken wird von dem Stadtteil Sankt Johann durch die Autobahn getrennt und die Bevölkerung beschwert sich über Luft- und Lärmbelastungen.

Deswegen wurde das Großprojekt « Stadtmitte am Fluss » als Gesamtplanung der städtebaulichen Aufwertung des Saartals in Saarbrücken von der Landeshauptstadt Saarbrücken und des Saarlandes entwickelt.

Das Hauptziel des Projektes ist die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der grenzüberschreitenden Metropolregion durch Stärkung der Attraktivität des Oberzentrums Saarbrücken  durch:

  • „Wiedervereinigung“ der Stadt
  • Verbesserung der Umweltsituation
  • Erhöhung der Aufenthaltsqualität
  • Städtebauliche Aufwertung
  • Attraktivere Wohnräume
  • Attraktivere innerstädtische Dienstleistungs- und Handelsflächen
  • Verbesserung des innerstädtischen Verkehrs

Das gesamte Projekt wird 370 000 000 € kosten und hat drei Planungsstufen:

  • Die Umgestaltung der Berliner Promenade
  • Die Eingrabung der Autobahn in eine Unterführung
  • Die Bebauung der zwei Hängebrücken für Fußgänger

Die Berliner Promenade kann schnell umgesetzt werden, da es sich nicht um ein polemisches Thema handelt und einen sehr positiven Einfluss auf das Stadtbild haben wird. Gegenüber der Autobahn wird das Ufer umgestaltet. Die Stadt Saarbrücken ist zu der Überzeugung gekommen, dass attraktive Fußgängerbereiche einen positiveren Einfluss auf die Stadt haben als optimalste Autobahnverbindungen. Deswegen wurde eine Umgestaltung des Fußgängerbereiches geplant. Wegen des Überflutungsrisikos, der Anlegerplätze für Schiffe und der privaten Tiefgaragen wird  keine Grünfläche, sondern ein betoniertes Ufer mit Stufen bis zum Fluss gebaut. Die Autobahn wird entlang des Flusses über 1,5 km lang untertunnelt um die Belastungen (Umweltverschmutzung, Lärm und Einfluss auf das Stadtbild) zu vermeiden und um die Stadttrennung aufzuheben. Die Autobahn kann nicht umgeleitet werden, da die Bewohner den schnellen Zugang zur Stadt erhalten wollen und der Bau einer Umgehung die Schutzgebiete rund um die Stadt zerstören würde. Auf die Unterführung der Autobahn wird ein Park errichtet.

Viele europäische Städte, in denen die Autobahn entlang des Flusses liegt,  planen eine Umgestaltung der Flussgebiete. Die Entscheidung zwischen Eingrabung und Umleitung der Autobahn ist immer die größte Diskussion des Projektes. Jede Stadt muss eine spezifische und nachhaltige Lösung finden. Die Nachhaltigkeit hat aber drei Säulen: die soziale, die wirtschaftliche und die ökologische Säule. Auf wirtschaftliche und soziale Aspekte hat man sich bei dem Projekt « Stadtmitte am Fluss » stark konzentriert, jedoch fehlt die Berücksichtigung der ökologischen Herausforderungen. Unsere Gruppe bedauert, dass keine innovative ökologische Lösung gefunden wurde. Die Wiederherstellung bzw. Verbesserung des Hochwasserretentionsraum, der Biotopbildung, der Biotopvernetzung, die Stabilisierung des Fluss- und Auenökosystems und die Regeneration der morphologischen Struktur gehören nicht zu den Zielen dieses Projektes. Ökologisch gesehen wird die Saar in Saarbrücken in ein Betonkorsett fließen. Die Verbesserung des ökologischen Zustandes des Flusses wird weder im Diskurs noch in Maßnahmen thematisiert.

Die ökologisch-orientierte Planung ist seit der Ratifizierung der FFH-Richtlinie und der Wasserrahmenrichtlinie die neue Art und Weise zu planen. Einige Auftraggeber und Planer sind leider noch skeptisch und bauen immer noch im modernen Stil mit gerader Linie und viel Beton, der langsam als altmodisch gesehen sind. Außerdem erwartet die Bevölkerung immer mehr Natur in der Stadt. Die Aktualität (Stuttgart 21, der erste Entwurf des Isarplans in München, usw.) zeigt auch, dass die Stadtbewohner sich gegen Projekte, die als nicht naturfreundlich eingeschätzt werden, sehr stark opponieren können. Es steht außer Frage, dass das Projekt „Stadtmitte am Fluss“ positive Auswirkungen auf die Stadt Saarbrücken haben wird, jedoch gelang es nicht den Gedanke der Nachhaltigkeit vollständig zu erfüllen. Bleibt die Frage, ob dies überhaupt das Ziel war. Man hätte auf jeden Fall bei einem solchen Großprojekt mehr Beachtung der ökologischen Konsequenzen erwarten dürfen, was nach heutigem Stand der Forschung eine unablässige Maßnahme der modernen Raumplanung ist.

 

par Aude Zingraff-Hamed, Agrocampus Ouest, centre d’Angers,

et Andrea Popp, Universität Freiburg

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