Von Katzen im Hals und Wasser im Wein – Sprichwörter als Spiegelbilder der Kulturen

von Ann-Isabelle Schneider

Wer eine Fremdsprache lernt und einige Zeit im Ausland verbringt wird früher oder später über sie stolpern: Sprichwörter. Man findet sie abseits von präskriptiven Grammatiken und Wörterbüchern – meist kommen sie erst beim Kontakt mit Muttersprachlern ans Licht: diese kleinen bildhaften Phrasen und Ausdrücke, die geflügelten Wörter, die absoluten Feinheiten einer Sprache. Miguel de Cervantes definierte ein Sprichwort als „einen kurzen Satz, der sich auf lange Erfahrung gründet“. Da einem als Lerner einer Fremdsprache diese Erfahrung meist fehlt, können Sprichwörter nicht selten eine Hürde darstellen. Sie sind es, die aus der Sprache abseits von linguistischen Vorschriften ein kulturelles Phänomen machen, das in jeder Sprache zu finden ist, jedoch auf unterschiedliche Art und Weisen. Natürlich gibt es eine Reihe von traditionellen Sprichwörtern, die in vielen Nationen gleichbedeutend verwendet werden. Diese haben ihren Ursprung häufig in der Antike oder in der Bibel und wurden in viele Sprachen übersetzt – so z.B. der auf Virgil zurückzuführende Ausdruck „Tempus fugit“ (Georgica Buch III, Vers 284) oder das aus der Bibel stammende Sprichwort „Hochmut kommt vor dem Fall“ (Sprüche 16, 18).

Andere Sprichwörter unterscheiden sich jedoch je nach Sprache und Kultur. In einigen Fällen scheint der Hintergrund des Sprichwortes auf der Hand zu liegen. Es ist weit verbreitet, dass der Franzose gerne Wein trinkt. Es überrascht daher nicht, das edle Nass in einigen Sprichwörtern wiederzufinden. So sollte man, wenn der Wein eingeschenkt wurde, ihn auch trinken („Quand le vin est tiré il faut le boire“ – „Wer A sagt muss auch B sagen“). Und möchte man seine Ansprüche zurückschrauben, so verdünnt man seinen Wein mit Wasser („Mettre de l’eau dans son vin“). Weniger offensichtlich ist jedoch die scheinbare Vorliebe der Franzosen für Katzen. Der Deutsche hat einen Frosch im Hals, beim Franzosen ist es gar eine Katze („avoir un chat dans la gorge“). In Deutschland warnt man davor, schlafende Hunde zu wecken – in Frankreich sind es schlafende Katzen („il ne faut pas réveiller le chat qui dort“). Und auch das Kind, das beim Namen genannt wird, ist in Frankreich tatsächlich eine Katze („appeler un chat un chat“).

In vielen Fällen sind deutliche Parallelen zwischen den deutschen und französischen Sprichwörtern zu erkennen. Sie unterscheiden sich nur minimal und tragen die gleichen oder ähnlichen Bedeutungen – es sind die sprachlichen Nuancen, die sie zu individuellen, kulturellen Eigenheiten machen. Gerade deshalb sind sie nicht nur im umgangssprachlichen Sprachgebrauch Gang und Gäbe sondern erfreuen sich auch großer Beliebtheit bei Politikern und deren Reden. Sprichwörter verbinden. Wer sie versteht, kann sich identifizieren – mit einer Gruppe, einer Kultur, einer Region. Und sie zeigen uns: Sprache lernt man nicht im Unterricht – Sprache lernt man nur im Land.

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